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Thomas Sieverts

Industrienatur

Industrienatur ist die unsere Zeit charakterisierende Natur: Nach der Natur der bäuerlichen Landwirtschaft und der Natur der Gärten und Parks ist sie die dritte Form der ‚Kultur-Natur’. Sie besetzt die nicht mehr gebrauchten Flächen und Industrieapparaturen, die eine Signatur unserer Zeit sind.

Industrienatur ist einerseits ‚Wildnis’: Sie erscheint spontan, breitet sich ungeplant aus und setzt ihre eigene Sukzession in Gang. So betrachtet, verkörpert sie inmitten der technisch kontrollierten Stadtwelt das Unverfügbare, nach eigenen Regeln, eigener Zeit und eigener Kraft.

Industrienatur bricht mit sanfter Gewalt durch ihre Eigenart, Eigengesetzlichkeit und Eigenzeit und mit berührender Schönheit in die geplante, kontrollierte und genutzte Welt ein und verzaubert sie – wenn man ihr Zeit lässt.

Andererseits verweist Industrienatur auch auf verschiedene Formen von Zerstörung, Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit: Je nach den Bedingungen des Untergrunds, der Besonnung und Feuchtigkeit, die die Industrie hinterlassen hat, siedeln sich spezifische Pflanzen und Tiere an. Ohne diese Hinterlassenschaften der Industriekultur könnte Industrienatur nicht entstehen. Sie kann deswegen auch als Kulturfolge und damit als Teil der historischen Entwicklung unserer Kultur gelesen werden.

Zuneigung und Wertschätzung können ihr Raum und Zeit lassen und sie mit einbeziehen in die Verwandlung und Gestaltung der Industreibrachen. Industrienatur kann so einen Beitrag leisten zur Heilung der vom Menschen geschlagenen Wunden.

Aus dem Skizzenbuch von Karl Ganser