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Ökologie und Ästhetik auf Industriebrachen

Ein Beitrag von Prof. Jörg Dettmar, Technische Universität Darmstadt, Fachbereich Architektur

Industrieflächen so wie die Zechenbrache Rheinelbe in Gelsenkirchen zählen zu den am stärksten vom Menschen überformten und veränderten urbanen Standorten. Industrieböden sind gekennzeichnet durch hohe Anteile technogener Substrate, hohe Versiegelungsraten, starke Verdichtung und Verunreinigungen mit Schadstoffen. Diese Veränderungen schaffen außergewöhnliche Standortbedingungen. Vielfach handelt es sich um Extremstandorte, was Trockenheit, Nährstoffarmut oder das Bodenmilieu angeht. Das sind die Bedingungen, die eine besonders angepasste Flora und Fauna hervorbringen. Wie auf anderen urbanen Standorten auch, spielen dabei fremdländische Arten, so genannte Neophyten eine wesentliche Rolle. Diese Industrieflächen haben eine besondere Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz in urbanen Räumen. In den 1990er Jahren wurde im Rahmen der IBA Emscher Park begonnen, ein Teil der Brachen in öffentliche Freiflächen umzuwandeln.

Ökologie, Ästhetik und Ängste

Die Beurteilung der spontanen Vegetation in diesen neuen Parks war allerdings sehr unterschiedlich: Denn die spontane Sukzession auf Brachen in der Stadt ist zunächst einmal sichtbares Zeichen des Untergangs, der Depression. Unordnung, Chaos, Wildwuchs und Unkraut bedrohen unsere vermeintliche Sicherheit. Städte sind in ihrem Ursprung eben auch Orte der Verteidigung gegen die gefährlichen und unkalkulierbaren Kräfte der Natur gewesen. Natur in der Stadt wurde und wird bis heute meist nur in domestizierter Form in den Gärten und Park zugelassen. Dazu kommt die spezielle Bedeutung von alten Industrieflächen als Orten der Arbeit, der Anstrengung, des Lärms, des Drecks, der Umweltbelastung, der Altlasten und sonstiger Hinterlassenschaften, es sind eben vielfach belastete Orte.

Experiment, Kunst und Wildnis

Im Rahmen der IBA wurde ein Experiment gewagt: ein völlig neuer Umgang mit diesen Flächen. Mit dem Industriewaldprojekt Ruhrgebiet – zunächst hieß es „Restflächenprojekt“ - wurde dieses Experiment Mitte der 90er Jahre begonnen. Ziel war vor allem, die spezielle Atmosphäre, die Schönheit und den ökologischen Wert der Brachen zu erhalten und die Naturentwicklung nur sehr behutsam zu beeinflussen. Auf ausgewählten Brachen wurde deshalb eine kleine Mannschaft von Förstern für den Umgang mit dieser Art der Vegetation ausgebildet. Die Förster beobachten, bewachen, begehen und zeigen die Brachen interessierten Besuchern. Leitbild dabei ist nicht ein Standardwald, sondern die strukturelle Wildnis um einen Naturerlebnisraum und in Grenzen auch Abenteurerraum für die Stadtbewohner zu schaffen. Ein naturbestimmter Raum soll erhalten bleiben, der durch die Dynamik, die Veränderungen der spontanen Natur bestimmt wird. Dazu kommen punktuelle Eingriffe durch künstlerische Setzungen.

Skulpturenwald Rheinelbe

So hat der Künstler Herman Prigann auf die Zechenbrache Rheinelbe in Gelsenkirchen-Ückendorf reagiert. Die Fläche ist insgesamt über 50 ha groß und weist vielfältige, unterschiedlich alte Vegetationsbestände auf. Von frühen Initialstadien bis zu dicht geschlossenen, schon über 50 Jahre alten Wäldern ist alles vorhanden. Dazu kommt noch eine große morphologische Vielfalt bedingt durch Aufschüttungen und Abgrabungen vor allem im Bereich der zwei auf dem Gelände vorhandenen Bergehalden.

Prigann hatte den Auftrag, sich mit der Geschichte der Fläche, insbesondere aber mit ihrem aktuellen Zustand und ihrer Naturausstattung auseinandersetzen und dies künstlerisch zu thematisieren. Dazu wurde gefordert, dass der Künstler nicht nur Objekte abliefert oder aufstellt, sondern tatsächlich einige Monate vor Ort anwesend sein sollte. Nicht nur vordergründig wurde von der künstlerischen Gestaltung der Brache auch eine Inwertsetzung durch die Steigerung der ästhetischen Qualität erwartet.

Priganns Ansatz der „Metamorphen Objekte und Skulpturalen Orte“ ist ja vor allem auf Industriebrachen zugeschnitten. Seine Arbeitsweise mit flächentypischen Materialien, Relikten der Nutzung und Abbruchmaterial von alten Industriegebäuden neue Objekte zu installieren, Flächen zu besetzen und dies dann wiederum der „natürlichen“ Veränderung zu überlassen, korrespondiert mit der natürlichen Sukzession. Es ist quasi die kulturelle Reflektion der Transformation einer Industriefläche in einen „Wald“.

Seine insgesamt neun Setzungen auf Rheinelbe sind unterschiedlich auffällig. Spektakulär sind sicher die Eingangstore an den Hauptzugängen gewesen. Massive tonnenschwere Betonfundamente, lose aufgelegt auf Eichenstämmen, drehten sichtbar das Verhältnis „Brachennatur übernimmt Industriefläche“ um. Die beiden Skulpturen waren spektakulär genug, die Ordnungsbehörden von Gelsenkirchen wegen möglicher Gefahren für die Spaziergänger auf den Plan zu rufen. Erst statische Begutachtungen beruhigten die Gemüter. Allerdings war die Lebenszeit dieser Skulpturen kürzer als kalkuliert, bereits nach fünf Jahren mussten sie aus Sicherheitsgründen abgebaut werden, wegen der Verrottung der Baumstämme.

Seine Objekte, insbesondere auch eine mit Bauschutt gestaltete Treppe als Aufgang auf die ältere Halde und ein mit Stämmen umkreister Baumplatz erfreuten sich von Anfang an sehr großer Beliebtheit bei den Besuchern. Die archaische Gestalt spricht die Menschen – es sind überwiegend keine Kunstkenner - offensichtlich an. Ganz besonders gilt das auch für seine größte Arbeit auf Rheinelbe, der Umgestaltung der großen Bergehalde im Süden des Geländes. Im Rahmen der Bekämpfung eines alten Haldenbrandes wurden hier massive Überdeckungen mit Böden durch Prigann künstlerisch inszeniert. Ein neuer Haldenkegel in Form eines Spiralberges erhebt sich weit über das alte Haldenplateau. Zusätzlich wurde darauf eine über 10 m hohe Großskulptur aus großen Bauschuttbrocken als eine Art „Himmelsleiter“ aufgebaut. Dies ist eine neue weithin sichtbare Landmarke im Süden Gelsenkirchens geworden, die mit den anderen Landmarken der Emscherzone korrespondiert. Die Aussicht ist gut, die Formensprache direkt und die Beliebtheit als Ausflugsziel für die Gelsenkirchener groß.

Fruchtbare Kunst

Priganns Arbeiten haben das Rheinelbe Gelände markiert und neu inszeniert. Sie sind aber nicht dominierend, unterdrücken nicht den Prozess der fortschreitenden Sukzession, sondern ergänzen ihn. Diese Einheit in der Kontinuität des Wandels der Fläche ist die vielleicht größte Stärke dieser Werke.