Der Bau als Kunstform, als Symbol der Moderne und als gesellschaftliches Ereignis. Stadtbilder werden wachsen und warten auf ihre Wiedererweckung. Der Radius wird grösser: Eine ganze Region baut sich um, mit Landschaften, die menschliches Mass und Gesicht zurückerhalten. Und neuen Perspektiven der Stadt als lebenswertem Ort und als Metropole der Zukunft.
Stalinallee 1952 und Interbau 1957
Wettstreit der Systeme
1948 war die politische Spaltung Berlins durch die Währungsreform und die Blockade vollzogen. Die Stadtentwicklung in Ost und West begann, unterschiedliche Wege zu gehen. Während Ost-Berlin zur Hauptstadt der DDR wurde, wurde das isolierte West-Berlin zum „propagandistischen“ Demonstrationsprojekt des Westens. Unterstützt mit Mitteln des Marshall-Plans vollzog sich in den 50er Jahren ein Wandel von der Reparatur zum Wiederaufbau der Stadt. Geträumt wurde von einer gegliederten und aufgelockerten Stadt. Unter die Tradition der Mietskasernenstadt des 19. Jahrhunderts sollte ein klarer Schlussstrich gezogen werden.
Das neue Hansaviertel
Ihren sichtbaren Ausdruck fand dieses neue Leitbild in der ersten Internationalen Bauausstellung der Nachkriegszeit, der Interbau Berlin von 1957. Als Demonstrationsvorhaben mit Modellcharakter angelegt, sollte – nach Abriss und Neubau des stark kriegszerstörten großbürgerlichen Hansaviertels – ein Exempel für „die Stadt von Morgen“ präsentiert werden. Unter der Schirmherrschaft des Berliner Senats wurden 53 international bekannte Architekten ausgewählt, einzelne Objekte in einer parkähnlichen Landschaft zu realisieren.
Das neue Hansaviertel wollte die Erinnerung an das alte Hansaviertel völlig vergessen machen. Anstelle der alten Blockbebauung trat ein Mix aus Hoch- und Flachbauten – inmitten einer Parklandschaft.
Heute steht das Hansaviertel auch als bauliches Dokument für die Flächensanierung der Moderne, deren Funktionsbauten dagegen aber stark abfallen. Vielen gilt das Hansaviertel heute als beliebtes, innerstädtisches Wohnviertel mit hoher Wohnqualität. Kritiker stellen vor allem die fehlende Nutzungsvielfalt eines weitgehend über Wohnbauten bestimmten Viertels heraus und werfen die Frage auf, ob die Interbau mit ihrer Ansammlung von Einzelobjekten bekannter Architekten nicht der Frage ausgewichen ist, Antworten auf die Herausforderungen der Entwicklung neuer städtischer Qualitäten in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu geben.
Das Hansaviertel als Antwort des Westens auf den Osten
In ihrem pädagogischen Anspruch richtete sich die Interbau an die Architekten der Nachkriegszeit, um diese an die neuen Leitbilder einer internationalen Moderne heranzuführen. Geplant als größte bauwirtschaftliche und architektonische Schau sollte die Interbau auch die Überlegenheit des Westens gegen den Osten demonstrieren. Mit dem Instrument einer Internationalen Bauausstellung antwortete West-Berlin auf das Prestigeobjekt Ost-Berlins, die Stalinallee als „erste sozialistische Straße“ Deutschlands.
Die Stalinallee galt als das zentrale Rückgrat der Hauptstadt der DDR. Orientiert am Formenrepertoire Schinkels und basierend auf den nach sowjetischen Vorbildern entwickelten „16 Grundsätzen des Städtebaus der DDR“ entstanden dort ab 1953 monumentale „Wohnpaläste für Arbeiter“ mit historischen Stilelementen. Städtebaulich wurde an Grundprinzipien der traditionellen Stadtbaukunst, am Leitbild der „schönen, kompakten Stadt“ angeknüpft. Im Rahmen des nationalen Aufbauprogramms wird die Stalinallee als „Grundstein des Aufbaus des Sozialismus in der Hauptstadt Deutschlands“ (W. Ulbricht) gefeiert. Heute ist die Karl-Marx-Allee, wie die Straße seit 1961 heißt, ein Kulturdenkmal von europäischem Rang.


